IM GESPRÄCH MIT FRIEDRICHDIPPMANN
Ihr seid beide Künstlerinnen; tätig in verschiedenen Bereichen. Wie kam es dennoch zu eurer Zusammenarbeit?
Unsere Zusammenarbeit fußt auf dem gemeinsamen Interesse, aktiv und gestalterisch Projekte umzusetzten, die uns wiederum ermöglichen, mit Anderen in Kontakt zu treten und Themen ins Rollen zu bringen. Die Kombination unserer beider Fachbereiche und Themenfelder eröffnet eine Vielzahl an Räumen, thekidswantcommunism zu platzieren und zu diskutieren. Egal ob Strick, Papier oder Leinwand, die Fragestellungen und Herausforderungen in der Themenerabeitung und Umsetzung sind dieselben. Das Entscheidende an dieser Kollaboration besteht darin, die jeweilgen Aufgabenbereiche ausgewogen und dem Fachwissen und Eigeninteresse des Einzelnen entsprechend gut zu platzieren. Diese Herangehensweise ist nicht genrespezifisch oder auf ein Medium beschränkt. thekidswantcommunism unterstreicht auch unsere Entscheidung sich weder in den Strukturen und Dynamiken der Mode- noch der Kunstindustrie wiederzufinden, sondern in unserem eigenem Stil und Rhytmus Ideen voranzutreiben und „unser eigen“ zu bleiben. Bei der bereits vorhandenen Vielzahl an Designern und Künstlern ist nicht der Aspekt der Kollaboration für ein gemeinsames Projekt massgebend, sondern die thematische Klammer, die uns zum einen als Menschen wachsen lässt und zum anderen inhaltlich wichtig genug erscheint, um darüber eine Geschichte zu erzählen, die im Rückblick unsere eigene ist. Der gegenseitige Respekt und die Gabe, den Anderen in seiner Individualität zu „sehen“ und auch „sein zu lassen“, ermöglicht uns beiden eine gute und gesunde Zusammenarbeit. Wir sind uns natürlich darüber im Klaren, dass alles seine Zeit hat und unabdingbar auch Projekte die Ziellinie überschreiten. Bis dahin bleiben wir erfinderisch und neugierig.
In welchen Facetten kann man Tel Aviv in Eurem Projekt entdecken?
Tel Aviv und Chemnitz tragen dieses Vorhaben, weil beide Städte stark von der produzierenden Textilindustrie durchdrungen und in ihrem Erscheinungsbild städtebaulich geprägt wurden. Sei es dieser Tage in reduzierter Form von einzelnen Textilhändlern in Florentine, Tel Aviv, oder durch sachtes Wiedererwachen in Form von Start Ups und Vorwärtsdenken Kulturschaffender in Chemnitz. Ende der 80er Jahre, in Chemnitz vor allem resultierend aus der Wiedervereinigung Deutschlands, bzw. in Israel mit der sich zunehmend verbreiteten Geisteshaltung einer wachstumsorientierten Marktwirtschaft, wurden etliche produzierende Gewerbe ins Ausland verlagert. Um Lohnkosten einzusparen und gewinnorientiert zu wirtschaften, beseitigte man in vielen Dörfern und Städten ganze Industriestandorte, mit der Konsequenz, dass diese Orte langsam starben und der Mensch, mit dem Rückzug aus dem öffentlichen in den privaten Raum, vereinsamte*. Der Mehrwert der Arbeit jedes Einzelnen ist faktisch nicht erfassbar. Denn was an jenen Orten aus gewinnorientierter Unvernunft und Konkurrenzdenken verhökert wurde, war nicht Lohnarbeit als solche, sondern die Zusammenarbeit und das gesellschaftliche Miteinander in den Betrieben wie auch die Lebendigkeit und Umtriebigkeit auf den Strassen. Mit diesem Verlust ging unüberwindbar die Beziehung eines Jeden zu seiner Tätigkeit, seinem Wohnort und seiner Identität verloren (verstärkt wurde dies natürlich durch den Regimewechsel mit dem Mauerfall). Zurück zur Fragestellung. Nebst diesem Schatten des „Verlustes“ in beiden Städten, ist Israel unübersehbar in der Varianz seiner lebendigen und starken Farbvielfalt in diesem Projekt verankert. Sei es das Grün der Golanhöhen, das Pink der Bougonvillae, das schimmernde Blau des Wassers oder die sonnigen Warmtöne des Sandsteins. Aber nicht nur die lebendigen klaren Farben sind Resultat, es ist vielmehr die sich darin wiederespiegelnde Atmosphäre von einer Stadt, die mit ihrer irren Fülle an Themen und Kultur nie still steht. Nicht zuletzt stammt der Titel dieses Projektes aus der von Joshua Simon kuratierten Ausstellung The Kids Want Communism, welche über zwei Jahre, begleitet von Konferenzen und Veranstaltungen, im MoBY: Museums of Bat Yam, anlässlich des Jubiläums von Karl Marx präsentiert wurde. Auch wir bekamen dort eine Bühne, um die erste thekidswantcommunism Edition performativ zu präsentieren. Zu dieser Ausstellung wurde auch ein wunderbarer Katalog herausgegeben: Being together precedes being, editiert von Joshua Simon.
*dazu empfehle ich sehr Resonanz von Hartmut Rosa, welches das Thema des Verbundenseins von Mensch und Welt behandelt.
Foto by Tomaso Baldessarini
Foto by Tomaso Baldessarini
Warum habt ihr Eure Ideen in einer reinen Strickkollektion umgesetzt?
Was begeistert Euch an dieser Technik und vor welche Herausforderungen werdet ihr damit gestellt?
thekidswantcommunism war ein Schulterschluss aus der Möglichkeit im Bereich Textile Technologien der TU Chemnitz zu experimentieren und der Überlegung, dieses Vorhaben inhaltlich in das fortlaufende Projekt Liebeslied Chemnitz-Tel Aviv zu integrieren. Die Ausstellung in Bat Yam, Tel Aviv, war hierbei wegweisend, um dieser Edition eine Überschrift als auch ein Bild zu verleihen. Unser beider Antrieb entwickelte sich aus Neugierde und Interesse an der Strickerei wie auch der Einladung, in Chemnitz vor Ort zu arbeiten und zu lernen. Bei aller Euphorie mussten auch wir feststellen, dass die Generation, die das Handwerk durchdringt und beherrscht, nicht mehr präsent ist. Wir hatten großes Glück, mit Holger Cebulla und Andreas Degen an der TU Chemnitz zu tüfteln und zu experimentieren, da beiden der Beruf auf Leib und Seele geschneidert ist. Heute wäre dieses Projekt in der Form nicht mehr umsetzbar. Sich mit der Strickerei zu beschäftigen, bedeutet viel Geduld und Zeit mitzubringen, da der Prozess von der Zeichnung bis zum fertigen Gestrick mit viel Ideenreichtum und Improvisation verbunden ist. Die Herausforderung besteht darin, trotz Mindestauflage und Einzelstückfertigung, weiter kleine Editionen zu realisieren und dafür die richtigen Produktionspartmner zu finden.
Eure Kollektion ist Kunst. Ist Mode für Euch eine Art Leinwand?
Welche Möglichkeiten spiegeln sich darin?
Prinzipiell sind alle Oberflächen gestaltbar. Das Wunderbare an der Gestaltung von Kleidung besteht darin, dass der Träger sich damit identifiziert und seine Einzigartigkeit zum Ausdruck bringt. Mit der Entscheidung die Jumper-Edition auf zehn Teile pro Design zu limitieren, bzw. Einzelstücke anzufertigen, verinnerlichen auch wir Westwoods Credo buy less, choose well and make it last. Die Strickerei indes ermöglicht uns sehr tief in das Handwerk einzutauchen und zum Beispiel Intarsie mit Bildmotiv in Einklang zu bringen. Ebenso gibt es eine sehr breite und ausdifferenzierte Diskussionskultur zum Thema Dekor und Pattern Design. Was damals von Adolf Loos in Ornament und Verbrechen als kulturlos und instinktgetrieben abgewickelt wurde, nimmt heutzutage spielerisch „als Bauplan der Natur“ in Architektur, Mode und Kunst Form an. thekidswantcommunism nimmt auch da gestalterisch den Faden auf und verwandelt die Ikonografie von Marx´s Bronzebüste in Chemnitz in einen farbenfrohen Endlosrapport. 

Ivonne Dippmann, Rom, Oct 2021
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